Wo wir heute stehen

Die Gruppenpraxis Paradies ist ein Ort von Frauen für Frauen, ein Ort für Frauengesundheit. Unsere Arbeit verstehen wir als Beitrag zu einer zeitgemässen weiblichen Medizin auf der Basis salutogenetischen Denkens. Ein wichtiges Element hierbei ist der Respekt für den individuellen Weg jeder Frau und ihre Selbstbestimmung.

Nicht nur die Behandlung von Symptomen kann zur Gesundheit beitragen. Für uns ist auch bedeutend, Zusammenhänge von Körper, Seele und Geist wahrzunehmen, Veränderungsvorgänge zu verstehen und persönliche existentielle Erfahrungen anzunehmen. Auf dem Weg zur Gesundung verstehen wir uns als Begleiterinnen mit viel Erfahrung. Gemeinsam mit unseren Klientinnen behalten wir im Blick, was in jeder von uns gesund ist, stärken Selbstheilungskräfte und suchen die Ressourcen, die zu Balance und Heilung führen können. Heilung begreifen wir als einen Prozess, der aus sich selbst heraus geschieht - begleitet und unterstützt von aussen.

Je nach Notwendigkeit und individueller Situation nutzen wir Schulmedizin und/oder ganzheitliche Heilmethoden. Dabei bleibt die Verantwortung für ihren Weg bei jeder Frau selbst. Sie ist diejenige, die – wenn gewünscht mit unserer Hilfe - therapeutische Entscheidungen nach ihrer Weltanschauung trifft.

Die feministischen Wurzeln unserer Gruppenpraxis sind bis heute in unserem täglichen Handeln spürbar. Denn die viel diskutierte gesellschaftliche Gleichberechtigung bedeutet für uns auch, dass weibliche Lebenszusammenhänge und Prinzipien geachtet werden. Wir streben nicht nur Gleichwertigkeit zwischen Mann und Frau an, sondern auch untereinander. Deshalb arbeiten wir - Fachfrauen für Frauengesundheit und Ärztinnen - als Kollektiv eng zusammen. Jede Arbeit wird gleichermassen geschätzt. Wir teilen uns gleichberechtigt Lohn, Verantwortung und anfallende Aufgaben und stellen uns unseren eigenen Selbsterfahrungs- und Wachstumsprozessen. Wir bilden uns laufend weiter, lernen voneinander und nicht zuletzt auch von unseren Klientinnen. Diese gemeinsame Augenhöhe leben wir nicht nur untereinander, sie drückt sich unter anderem auch darin aus, dass wir unseren Klientinnen das "Du" anbieten. Wir sind glücklich, dass viele Klientinnen unser Projekt von Beginn an mitgetragen und unterstützt haben und freuen uns, dass laufend neue dazukommen, junge und ältere, auf die unser Angebot passt.

Wir sind ein stabiles, lebendiges Team: Einerseits bleiben wir unseren Grundprinzipien treu, andererseits sind wir sehr an Erneuerung und an gesellschaftlichen Entwicklungen interessiert. Wir orientieren uns an der Natur und ihren Prinzipien und richten unser Handeln nachhaltig, ökologisch bewusst aus. Dabei fühlen wir uns zugehörig zu einer globalen Bewegung, geleitet von der Philosophie der Gewaltlosigkeit und eingebunden in spirituelle Zusammenhänge.

Wie alles kam

Während der Frauenbewegung der Siebziger Jahre findet sich auch in Basel eine Gruppe Frauen, die sich für ihre Anliegen im Gesundheitswesen einsetzt.
Frauengesundheit ist Frauensache und gehört in Frauenhände – das war vor über 30 Jahren die Meinung der etwa 20-30 Frauen, die sich in intensiver Selbsterfahrung, in Austausch und Studium von medizinischer Literatur, Wissen über weibliche Gesundheitsthemen aneigneten. Dank der Inspiration durch Frauenselbsthilfegruppen und Gesundheitszentren in den USA und Holland entstanden solche Gruppen an verschiedenen Orten in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern.
Die Gynäkologie und Geburtshilfe dieser Jahre ist von männlicher Denkart und hochtechnisierter Diagnostik und Therapie bestimmt. Die engagierten Frauen wollen eine Heilkunde schaffen, die wieder stärker in den Händen der Frauen ist. Nach den Leitsätzen "mein Bauch gehört mir" und "Frausein ist keine Krankheit" ist es das Ziel, für sich selbst entscheiden zu können und die Prozesse des Frauseins als normal und gesund zu betrachten.
Nachdem die Basler Frauen sich während etwa drei Jahren regelmäßig getroffen hatten, entstand ein Pilotprojekt, eine Ärztin wurde gefunden und eine Frauenpraxis gegründet. Aus der großen Gruppe wurde zunächst ein kleines Team, das bald weiter wuchs. Seither waren hier immer etwa acht bis vierzehn Frauen gemeinsam tätig, haben sich in der Zusammenarbeit sowohl persönlich als auch fachlich entwickelt, haben Krisen gemeinsam bewältigt und neue Impulse integriert. Viele Frauen des heutigen Teams arbeiten seit 20-35 Jahren zusammen.

1980 wird die Genossenschaft Gruppenpraxis Paradies gegründet: ein Raum von Frauen für Frauen. Ein Ort, an dem die körperlichen und seelischen Bedürfnisse von Frauen wahrgenommen werden, das Gesunde und Gesunderhaltende gestärkt und den Selbstheilungskräften vertraut wird.

1999 wird unser Engagement mit dem Chancengleichheitspreis beider Basel ausgezeichnet: Die Regierungsräte "... anerkennen damit Ihre Pionierinnenrolle bei der Initiative und Weiterentwicklung eines einfachen, professionellen, kostengünstigen und bedürfnisorientierten Angebots zur gesundheitlichen Basisversorgung von Frauen und Mädchen ... Damit haben Sie zur allgemeinen Akzeptanz von mehr Selbstverantwortung und Selbstbestimmung beigetragen."

Interessantes aus 35 Jahren

  • Im März 2016 organisierten wir zusammen mit den theologischen Feministinnen im Rahmen des Forums für Zeitfragen die Veranstaltung zum Thema "Ethik am Anfang des Lebens", Gespräch mit Dr. Andrea Arz de Falco und Bettina Rufer:

Die von der Frauenbewegung erkämpfte Fristenregelung stützt sich ethisch betrachtet auf das Recht, bis in die 12. Schwangerschaftswoche über den eigenen Körper und den Eintritt in die Mutterschaft selbst zu entscheiden. Fortschritte in der Pränataldiagnostik werfen nun neue ethische Fragen auf. Sollen werdende Eltern in den ersten 12 Schwangerschaftswochen das Recht erhalten, über Chromosomen-Konstellationen wie Trisomie 21 und das Geschlecht des Kindes informiert zu werden? Welche Tests sind erlaubt? Welche gesellschaftlichen Folgen und welche sozialen Zwänge ergeben sich daraus? Wie verhalten wir uns gegenüber den neuen ethischen Herausforderungen? In einem Input präsentierte Dr. Andrea Arz de Falco die heutige Gesetzeslage und skizzierte die divergierenden feministisch-ethischen Ansätze. Im anschliessenden Podiumsgespräch diskutierten Andrea Arz de Falco und Bettina Rufer über ethische Fragen und neue feministische Argumentationslinien aus dem Blickwinkel einer Ethikerin und einer Hebamme. Die von der Frauenbewegung erkämpfte Fristenregelung stützt sich ethisch betrachtet auf das Recht, bis in die 12. Schwangerschaftswoche über den eigenen Körper und den Eintritt in die Mutterschaft selbst zu entscheiden. Fortschritte in der Pränataldiagnostik werfen nun neue ethische Fragen auf. Sollen werdende Eltern in den ersten 12 Schwangerschaftswochen das Recht erhalten, über Chromosomen-Konstellationen wie Trisomie 21 und das Geschlecht des Kindes informiert zu werden? Welche Tests sind erlaubt? Welche gesellschaftlichen Folgen und welche sozialen Zwänge ergeben sich daraus? Wie verhalten wir uns gegenüber den neuen ethischen Herausforderungen?
In einem Input präsentierte Dr. Andrea Arz de Falco die heutige Gesetzeslage und skizzierte die divergierenden feministisch-ethischen Ansätze. Im anschliessenden Podiumsgespräch diskutierten Andrea Arz de Falco und Bettina Rufer über ethische Fragen und neue feministische Argumentationslinien aus dem Blickwinkel einer Ethikerin und einer Hebamme.

  • Im Juni 2015 Podiumsgespräch mit Marcus Schneider zum Thema „Karma und Menschwerdung“ in der Gruppenpraxis:

Die Diskussion um Erforschung und Beeinflussung vorgeburtlichen Lebens ist komplex. Soll man beeinflussen oder soll man es lassen? Wir sind alle aufgerufen, sich selbstverantwortlich damit auseinanderzusetzen.
Marcus Schneider hat das Thema aus anthroposophischer Sicht beleuchtet und damit eine Erweiterung zum streng naturwissenschaftlichen Standpunkt ins Spiel gebracht.

  • Im März 2013 Salongespräch mit Dr. med. Friedrich Graf zum Thema „Arzneiroutine in der Schwangerschaft“ in der Gruppenpraxis:

Friedrich Graf ist ein bekannter homöopathischer Frauenarzt. Er stellt die heutige Arzneimittelroutine in Frage, die wir aus dem Alltag der Schwangerschaftsbegleitung kennen. Vehement vertritt er die Ansicht, dass die Medizin heutzutage fest in der Hand der Wirtschaft sei und dass deshalb Medikamentenumsätze steigen, indem gesunde Menschen zu Patienten gemacht werden. Als Methode sieht Friedrich Graf, das Androhen von Gefahren und das Produzieren von Ängsten, die zur Vorsorge mahnen. Nur so lasse sich verstehen, warum gesunde Schwangere und Kleinkinder heute mehr Arzneien nehmen als jemals zuvor. Jede einzelne Verordnung werde als unerlässliche Notwendigkeit dargestellt. Folsäure, Jod, Magnesium, Eisen, Vitamin K, Vitamin D und Fluor werden ohne Bedenken routinemässig und für lange Zeit verordnet, obwohl weder Nutzen noch potenzieller Schaden nachhaltig geprüft, bedacht und verstanden seien.

In einer angeregten Runde von Fachfrauen der Region diskutierten wir die Thesen von Friedrich Graf mit ihm und freuten uns über neue Impulse für unsern Alltag.
Weitere Infos zum Thema: Friedrich Graf - Kritik der Arzneiroutine (www.sprangsrade.de)

  • Im August 2010 feierten wir den 30. Geburtstag unserer Praxis ausführlich mit:
    • einer gemeinsamen Reise nach Findhorn in Schottland
    • einem fröhlichen Sommerfest in unserem wunderschönen Praxisgarten mit über hundert FreundInnen, beschwingter Musik, feinem Essen, einer witzigen Performance zu Ehren der Jubilarinnen und einer Ausstellung in unserem Praxishaus
    • Salongespräch mit Barbara Duden im Literaturhaus Basel: Die feministische Historikerin und Soziologin aus Hannover erfreute uns mit ihrer Eloquenz und ihrem scharfen Blick auf die Medizingeschichte der Frauen.
  • Nationalfondsstudie „WAGE“ 2009:

Auf Anregung der Professorinnen Ursula Ackermann und Li Zemp vom Swiss TPH (ehemals Institut für Sozial- und Präventivmedizin) stand die Gruppenpraxis 2009 im Zentrum einer Nationalfondsstudie, die laufend ausgewertet wird. Das Konzept der Studie:

a) Hintergrund und Hypothesen:
In den späten 70iger Jahren entstanden Frauengesundheitszentren, deren Konzepte werden neu überdacht:
1. aus der Perspektive der Genderforschung
2. bezüglich der Frage der Patientinnen orientierten Medizin (patient centred care)

Die kritische Frage stellt sich: Sind Frauengesundheitszentren immer noch nötig? Betreuen sie spezielle Patientinnen-Gruppen und bieten sie eine Medizin an, die anderswo nicht abgeholt werden kann? Oder hat die Mainstream-Gynäkologie die Schlüsselanliegen der Gesundheitszentren absorbiert?

b) Methode:
Zu diesem Zweck wurden sieben gynäkologische Praxen in Basel, die ambulante Abteilung der Universitätsklinik und die Gruppenpraxis evaluiert.
Eine hauptsächliche Arbeitshypothese war: Es gibt eine Variation von Arbeitsphilosophien und Arbeitshaltungen bezüglich Frauengesundheit in den neun untersuchten gynäkologischen Settings im Raum Basel.
Methodisch wird ein gemischter Zugang verwendet, welcher sowohl qualitative als auch quantitative Methoden einsetzt. Die qualitative Methode dient dazu, den philosophischen Zugang zu bewerten. Quantitative Methoden wurden angewandt, um die Charakteristika von Patientinnen der teilnehmenden Praxen zu untersuchen, ebenso werden die Folgen eruiert, die diese Philosophie für die Patientinnen hatte.

c) Erwarteter Wert der Studie:
Die Studie befasst sich mit einem heute breit diskutierten Anliegen über die Qualität medizinischer Fürsorge (Care). Sie soll ein Licht darauf werfen, ob es spezifische Charakteristika gibt, die bewirken, dass Patientinnen ein Gesundheitszentrum aufsuchen und ob unterschiedliche gynäkologische Praxen spezielle Gruppen von Frauen anziehen.

  • Radiosendung DRS 1 aus dem Jahr 2006:

"Im Basellandschaftlichen Binningen wird eine Praxis zum Vorzeigemodell im Kampf gegen die steigenden Gesundheitskosten. Das Besondere an dieser Praxis: Es arbeiten dort 5 Frauenärztinnen und 5 Frauen ohne Medizin-Studium gleichberechtigt miteinander. Die Gruppenpraxis hat auch schon Juristen beschäftigt. Doch das Modell verstösst gegen kein Gesetz."
Monika Binotto, "Echo der Zeit", Oktober 2006 

  • Veröffentlichungen nach rechtlichen Abklärungen bezüglich unserer Praxisstruktur (2001-2006):
    • 11.10.2006: Pressecommuniqué der Gruppenpraxis Paradies an die Medien der Region
    • "26 Jahre Erfahrungspraxis mit einem Avantgardemodell:

Die Gruppenpraxis Paradies – ein Ort von Frauen für Frauen - spielt eine Pionierrolle im schweizerischen Gesundheitswesen.

Die Gruppenpraxis Paradies wurde 1980 von einer Gruppe von Frauen in Binningen gegründet. Ausschlaggebend waren die Anliegen der Frauenbewegung der Siebziger Jahre und ihre Kritik an der gängigen Medizin; zu technisch, zu einseitig und zu wenig ganzheitlich nähere die sich dem Menschen, zudem sei sie auf Krankheit und nicht auf Gesundheit ausgerichtet. Es hat sich inzwischen auch erwiesen, dass diese Medizin sehr kostspielig ist. 
Die Gruppenpraxis Paradies entwickelte ein Konzept medizinischer Praxis, das diesen Gedanken Rechnung trägt und das man heute als Pioniermodell bezeichnen kann. In der Gruppenpraxis arbeiten Ärztinnen mit Fachfrauen für Frauengesundheit unter einem Dach in engem Netzwerk zusammen. Gesundheits- und Krankheitsspezialistinnen sollen im Austausch und der Zusammenarbeit sicherstellen, dass bei der medizinischen Basisversorgung weibliche Geschichte und Lebenszusammenhänge mit einbezogen werden. Die Qualität der Arbeit wird gegenseitig überwacht. 
Inhaltlich wird vor allem auf Prävention und Gesunderhaltung gesetzt. Frauen sollen in ihrem Gesundheitsverhalten gestärkt und in Entscheidungsprozesse mit eingebunden werden, bei denen sie im gemeinsamem Gespräch selbstbestimmt und selbstverantwortlich mitreden. 
Die Mitarbeiterinnen führen die Praxis in einem genossenschaftlichen, nicht hierarchischen Betriebsmodell mit gleichem Lohn für alle, in dem Teilzeitarbeit möglich ist. In England, Skandinavien, Canada, USA existieren ähnliche Modelle, die sich längst etabliert und qualifiziert haben. In der Schweiz erhielt die Gruppenpraxis Paradies im Jahr 1999 gesellschaftspolitisches Lob und Anerkennung durch die kantonale Verleihung des Chancengleichheitspreises „heisses Eisen“.

Seit dem Jahr 2001 führte die Anschuldigung einer Patientin und einer grossen Krankenkasse zu rechtlichen Abklärungen. Es ging dabei um die Frage, ob die Arbeit der Fachfrauen delegierbar und weiter wie bis anhin über die Krankenkasse abgerechnet werden kann. Gestützt auf zahlreiche Expertisen im In- und Ausland entschieden schliesslich das kantonale Sanitätsdepartement und die Justizbehörde, dass die Arbeitsweise der Gruppenpraxis Paradies vollumfänglich rechtens ist.

Die Gruppenpraxis Paradies freut sich sehr, dass ihr Einsatz für eine zeitgemässe, frauengerechte und kostengünstige Medizin damit noch einmal öffentlich anerkannt worden ist: die Zusammenarbeit zwischen nicht akademischen und akademischen Gesundheitsarbeiterinnen hat damit Früchte getragen."

  • Im Herbst 2001 wurde das 21jährige Jubiläum der Praxis mit einem rauschenden "DenkEssTanzFest - Vertreibung ins Paradies" in der "Mitte" in Basel gefeiert.
  • 1999 Verleihung des Chancengleichheitspreises "Heisses Eisen" der Kantone Baselstadt und Baselland

 

 

Unsere Common Grounds:

Wir sind eine Gruppe gleichberechtigter Frauen, die zusammen arbeiten und willens sind, von der Natur und ihren ganzheitlichen Prinzipien respektvoll zu lernen. Deshalb erfährt jede Arbeit dieselbe Wertschätzung.
Einfachheit, Selbstbestimmungsrecht, liebevolle und unterstützende Zuwendung sollen all unsere Gedanken und Handlungen leiten.